Archiv für Dezember 2006

Happy Birthday, Lieber Jesus!

Dezember 23, 2006

Alternatives Weihnachts-Fernsehprogramm für Cineasten

Dezember 22, 2006

Endlich geschafft, die Verwandtschaft wurde mit der Weihnachtsgans erfolgreich abgefüllt und die lieben Kleinen sind seelig mit ihren neuen Spielsachen im Arm eingeschlafen — ein guter Zeitpunkt den Abend mit ein wenig Fernsehunterhaltung ausklingen zu lassen.

Doch oh Graus, wieder nur lauter Wiederholungen sattsam bekanter Action- und Comedy-Steifen (wer will denn wirklich zum tausendsten Mal Bruce Willis in „Stirb langsam“ sehen?) und wenn dann doch mal eine „FreeTV Premiere“ dabei ist, dann reißt sie einen i.d.R. nicht unbedingt vom Hocker. Die Lösung des Problems: Der Konsum von vielleicht weniger bekannten und neuen, aber dafür um so besseren Klassikern der Filmgeschichte. Hier eine kleine Empfehlungsliste für die Weihnachtsfeiertage:

24.12.

22:15 Uhr, „Loriot: Weihnachten bei Hoppenstedts“, ARD
Inzwischen ist die Ausstrahlung dieser legendären Loriot-Folge am Heiligabend genauso zur Tradition geworden, wie „Dinner for One“ am Silvesterabend. Ein absolutes Muß ;).

23:15 Uhr, „Weites Land (The Big Country)“, 3sat
Da es unter dem Titel „Weites Land“ gleich mehrere Filme in Deutschland gibt, muß festgehalten, daß es hier um „The Big Country“ geht, einem Western-Klassiker aus dem Jahr 1958 mit Gregory Peck und Jean Simmons in den Hauptrollen. Ganz western-untypisch geht es inhaltlich um Konfliktlösungen ohne Gewalt — doch keine Sorge, dies bedeutet nicht, daß es diesem epischen Streifen an Action mangelt.

23:25 Uhr, „EDtv“, VOX
Eine bitterböse Mediensatire mit Woody Harrelson in einer Nebenrolle. Der Film ist eine unterhaltsame Abrechnung mit dem „Reality TV“ und weist starke Ähnlichkeiten zur „Truman Show“ auf, wobei Ed (Matthew McConaughey), der Hauptdarsteller in „EDtv“, im Unterschied zu Truman immerhin weiß, daß er Bestandteil einer Reality Show ist.

00:00 Uhr, „God’s Army — Die letzte Schlacht“, rtl2
Inzwischen ein echter Klassiker: Christopher Walken mimt den gefallenen Erzengel Gabriel auf einem gnadenlosen Rachefeldzug gegen Gott und die Menschheit. Der Plot ist mit Priesteranwärtern, Erinnerungen aus dem Koreakrieg und einem Showdown in einem Indianerreservat reichlich bizarr. Allein schon wegen Walkens Rolle als Gabriel, die ihm wie auf den Leib geschrieben zu sein scheint, dennoch ein wirklich sehenswerter Kult-Streifen.

00:20 Uhr, „Der Texaner (The Outlaw Josey Wales)“, kabel1
Vermutlich einer der besten Western mit Clint Eastwood überhaupt. Eastwood spielt hier den knallharten und vereinsamten Ex-Soldaten Josey Wales, der im Bürgerkrieg auf Seiten der Südstaaten kämpfte und nach der Kapitulation einfach weitermacht, weil die Nordstaaten anders als zugesichert seine Kameraden niedergemacht haben und er außerdem im Krieg seine Familie verloren hat, folglich nichts mehr im Zivilleben hat, zu dem er zurückkehren könnte. Dies ändert sich erst auf seiner Flucht, bei der er nach und nach neue Freunde hinzugewinnt. Eastwood, der auch Regie führte, zeichnet ein düsteres Bild der Zustände in den USA unmittelbar nach dem Bürgerkrieg.

00:30 Uhr, „23 — Nichts ist so wie es scheint“, arte
Nach einer wahren Begebenheiten schildert der Film das Leben des deutschen Hackers Karl Koch (in absoluter Bestform: August Diehl), der in den 1980er in den ersten spektakulären Fall von Hacking in der BRD verwickelt war. Geprägt durch Verschwörungstheorien („Illuminaten“, „23″, etc.) hackt er im Glauben an die Informationsfreiheit zusammen mit seinem Kumpel westliche Systeme und verkauft die Daten anschließend an den KGB. Dabei verfällt er zunehmend dem Kokain und seinen Wahnvorstellungen, kommt schließlich unter mysteriösen Umständen ums Leben. Inwieweit die Story wirklich am echten Leben von Koch dran ist, ist stark umstritten, der Film gibt aber sicherlich das „Lebensgefühl“ der Hacking-Szene in den 80er Jahren glaubhaft wieder.

25.12.

14:00 Uhr, „Krieg und Frieden (War and Peace)“, arte
Diese erste Verfilmung des gleichnamigen Romanklassikers von Leo Tolstoi durch King Vidor aus dem Jahr 1956 gilt zwar als nicht ganz so gut wie die zweite von Serhij Bondartschuk aus dem Jahr 1968, ist aber immer noch sehenswert. Zudem dauert sie „nur“ 208 Minuten, während es die neuere auf schlappe 390 Minuten bringt. Die ausführliche Skizzierung der russischen Gesellschaft zur Zeit der napoleonischen Kriege ist sicherlich nichts jedermanns Sache, historisch aber sehr aufschlußreich.

22:45 Uhr, „Whale Rider“, Bayern
Der Film handelt von dem 12jährigen Maori-Mädchen Pai(kea) in Neuseeland, das sich in einem harten Widerstreit mit ihrem Großvater über die Traditionen ihres Volkes hinwegsetzt. Eigentlich sollte ihr Zwillingsbruder die stets männliche Erbfolge des Stammes sichern, doch nachdem dieser bei der Geburt verstorben ist, macht sich Pai daran das erste weibliche Oberhaupt zu werden. Sehr zum Unwillen ihres Großvaters bei dem sie aufwächst und der versucht unter den Jungen des Dorfes ein neues Oberhaupt auszuwählen.

22:55 Uhr, „Léon der Profi — Director’s Cut“, Pro7
Okay, ich schätze zu diesem Meisterwerk des französischen Regisseurs Luc Besson muß ich nicht mehr viel sagen, der Film sollte bekannt sein. Jean Reno spielt — in der Rolle seines Lebens — den emotionslosen Profikiller „Léon“ der sich durch eine Verquickung unglücklicher Umstände mit der 12jährigen Mathilda (Natalie Portman) anfreundet und dabei in ein mörderisches Duell mit dem korrupten und psychopathisch-veranlagten DEA-Agenten Norman Stansfield (Garry Oldman) gerät.

00:10 Uhr, „The Golden Bowl“, VOX
In dieser Verfilmung der gleichnamigen Novelle von Henry James geht es um eine Vierecks-Geschichte am Anfang des 20. Jahrhunderts zwischen einer alten italienischen Aristokratendynastie und einer us-amerikanischen Industriemagnatenfamilie. Der verarmte italienische Fürst Amerigo (Jeremy Northam) liebt die ebenso mittelose Charlotte Stant (Uma Thurman), heiratet jedoch Maggie Verver (Kate Beckinsale), die Tochter des Industriemagnaten Adam Verver (Nick Nolte). Besagter Adam Verver heiratet durch einen Zufall dann jedoch Charlotte Stant, weshalb diese wieder mit Fürst Amerigo zusammenfindet, was sich dessen Frau Maggie jedoch nicht gefallen lassen will und um ihre Ehe kämpft. Eine brillant gespielte Beziehungsgeschichte, die VOX hier als deutsche FreeTV-Premiere zeigt.

00:15 Uhr, „Eine wahre Geschichte (The Straight Story)“, ZDF
Starregisseur David Lynch erzählt die wahre Geschichte des 73jährigen Rentners Alvin Straight (Richard Farnsworth), der auf einem Rasenmäher zwei Bundesstaaten durchquert, um seinen Bruder Lyle zu besuchen, der einen Schlaganfall erlitten hat. Ein Roadmovie der ganz anderen Art, anrührend, langsam erzählt und ganz untypisch für Lynch sehr linear und schnörkellos inszeniert. Georg Seeßlen schreibt: „Jede Einstellung eine perfekte Komposition, jeder Übergang ein genau tariertes Wechselspiel, jedes Dialog-Stück ein poetisches Mini-Drama voller Anspielungen (ebenso auf religiöse und historische Motive wie auf Lynchs eigene Filme), Namen- und Wortspiele, komische Verknüpfungen (eine Idee, die in einer Dialogszene geäußert wurde, taucht in einer anderen unvermutet wieder auf).“

01:30 Uhr, „Citizen Kane“, 3sat
Orson Welles’ „Citizen Kane“ aus dem Jahr 1941 gilt als einer der besten Filme der Filmgeschichte überhaupt. In Rückblenden wird die Lebensgeschichte des Medienmoguls Charles Foster Kane erzählt, dessen Figur stark an den us-amerikanischen Verleger und Medienzar William Randolph Hearst angelehnt ist. Hearst hatte alles daran gesetzt den Film zu torpedieren, da er sich zurecht in der Figur des Kane wiedererkannte — was ihm nicht sonderlich gefiel. Denn Kane wird „als ein Mensch porträtiert, der im Laufe seines Lebens alle Ideale verrät und als machtversessener, kaltherziger Mann endet“ (Wikipedia). Filmhistorisch kommt „Citizen Kane“ eine besondere Bedeutung zu, da zahlreiche für die damalige Zeit revolutionäre Kamera-, Licht-, Schnitt- und Erzähl-Techniken zum Einsatz gebracht werden.

26.12.

20:15 Uhr, „Vertigo — Aus dem Reich der Toten“, VOX
Ein Klassiker von Alfred Hitchcock nach einer Romanvorlage von Pierre Boileau und Thomas Narcejac. Der unter Höhenangst leidende Polizist Scottie (James Stewart) quittiert den Dienst und soll für einen Freund auf dessen Selbstmord gefährdete Frau Madeleine (Kim Novak) aufpassen, kann deren Sprung in den Tod wegen seiner Höhenangst aber nicht verhindern. Jahre später lernt er Judy kennen, die Madeleine zum Verwechseln ähnlich sieht und wie sich herausstellt dann auch tatsächlich Madeleine ist. Scottie kommt einem Komplott auf die Spur… — Vertigo gilt als einer der besten Hitchcock-Filme, war über Jahrzehnte nicht verfügbar und wird jetzt mit neuer (und umstrittener) Synchronisation frisch ausgestrahlt.

21:00 Uhr, „Doktor Schiwago (Doctor Zhivago)“, arte
Ein weiterer Filmklassiker nach dem gleichnamigen Roman von Boris Pasterna. Während der Russischen Revolution spielend erzählt der Film die Geschichte des Dr. Yuri Zhivago (Omar Sharif), der zwischen zwei Liebesbeziehungen hin und hergerissen ist. „David Leans äußerst publikumswirksame Inszenierung schwelgt in monumentalen Stimmungsbildern und beeindruckt durch ihren langen Atem in der Abfolge lyrischer und dramatischer Momente.“ (Lexikon des internationalen Films, zitiert nach Wikipedia)

22:20 Uhr, „Scarface — Toni das Narbengesicht“, Das Vierte
In diesem 1983er Remake des gleichnamigen Klassikers von 1932 spielt Al Pacino den aus Kuba stammenden Kriminellen Toni Montana, der als Laufbursche eines einflußreichen Gangsterbosses in Miami zum Paten des Kokainhandels in den USA aufsteigt. Wegen seiner für damalige Verhältnisse noch exzessiven Gewaltszenen indiziert entwickelte sich der Streifen insbesondere in der HipHop-Kultur zum Kultstreifen (kein „Gangsta Rapper“, der bei MTV Cribs nicht auf „Scarface“ in seiner DVD-Sammlung verweist). Hauptvorwurf an den Film ist heute, daß er wie kein zweiter das Gangstertum glorifiziert, obwohl Regisseur Brian De Palma eigentlich veranschaulicht, wie Toni am eigenen Größenwahn und seiner Paranoia zu grunde geht.

23:30 Uhr, „Das Mädchen mit dem Perlenohrring (Girl with a Pearl Earring)“, ZDF
Vermutlich das „weihnachtliche Highlight“ was die diesjährigen FreeTV-Premieren im Fernsehen angeht, schade daß dieses Meisterstück vom ZDF soweit ins Spätprogramm verbannt wurde. Der Film von Peter Webber nach dem gleichnamigen Roman von Tracy Chevalier spielt im 17. Jahrhundert. Der berühmte Maler Jan Vermeer stellt die 16jährige Griet als Hausmädchen ein. Hochintelligent lernt sie von Vermeer den Umgang mit Farben und alles Wissenswerte über die Malerei. Schließlich sitzt sie ihm für ein Portrait Modell, was jedoch zu Konflikten „mit Vermeers Ehefrau, deren Tochter, der Schwiegermutter und der Magd“ (Wikipedia) führt.

00:30 Uhr, „Das Mädchen Irma la Douce“, WDR
Billy Wilder inszeniert hier 1963 eine auf einem Musical basierende Komödie mit dem damals noch recht jungen Jack Lemmon als übermotivierten Polizisten Nestor Patou. Nachdem eine von Patour veranlaßte Razzia in einem Bordell unangenehme Komplikationen mit sich bringt, fliegt er bei der Polizei raus und trifft beim Frustsaufen auf die Protituierte Irma La Douce (Shirley MacLaine) in die er sich verliebt und für die er nun den Zuhälter mimt — ohne es natürlich zu sein. Er arbeitet nachts um ihr so viel Geld geben zu können, daß sie nicht mehr anschaffen gehen muß. „Bemerkenswerter Unterhaltungsfilm mit vielen Gags und einigen anrührenden Tiefen“ (Lexikon des internationalen Films, zitiert nach Wikipedia).

01:30 Uhr, „Dem Himmel so fern (Far from Heaven)“, RBB
Die Eheleute Cathy (Julianne Moore) und Frank Whitaker (Dennis Quaid) führen ein scheinbar perfektes, bürgerliches Leben in einer Vorstadt der 50er Jahre in den USA. Doch hinter der Fassade bröckelt es, Frank ist homosexuell und versucht vergeblich sich wegen dieser „Krankheit“ behandeln zu lassen, während Cathy sich in den jungen Schwarzen Raymond Deagan (Dennis Haysbert) verliebt und damit in ihrer Umwelt zunehmend auf Ablehnung stößt. Regisseur Todd Haynes inszeniert in „Dem Himmel so fern“ eindrucksvoll die Themen „Rassismus“ und „Homosexualität“ im Kontext der prüden und reaktionären 50er Jahre.

Die legendärsten Weihnachts-Musikvideos (3)

Dezember 21, 2006

Run DMC: „Christmas in Hollis“ ;-)

Lookism und Antilookism

Dezember 20, 2006

In Berlin gibt es eine bis dato noch eher kleine, neue politische Bewegung die sich gegen den sogenannten „Lookism“ richtet. Wikipedia definiert den Begriff wie folgt:

„Der Begriff Lookism wird in jüngster Zeit benutzt für die systematische Diskriminierung von Menschen, die nicht den vorherrschenden Schönheitsnormen entsprechen.“ (Wikipedia)

Während der Terminus in den USA schon bekannter ist, sagt er hierzulande nur sehr wenigen Eingeweihten etwas. Eine Gruppe von Aktivisten will dies nun ändern und bietet auf der Website lookism.info zahlreiche Informationen zum Thema. In der Jungle World, die sich mit zwei Aktivistinnen der Gruppe unterhalten hat, heißt es deutlicher hinsichtlich der Definition:

„Dabei umfasst der Begriff nicht nur Schönheits­normen, die den Körper betreffen, sondern auch die so genannte Körpergestaltung und die Kleidung. Aber sind Schminke und Kleidung nicht vor allem eine Privatsache? ‘Wir denken, dass die Aussage, das Private sei politisch, mehr ist als ein veralteter feministischer Slogan. Wir wollen Macht­verhältnisse und Interdependenzen anhand des Diskurses über die Schönheitsnorm aufdecken, die ja mit nicht weniger bedeutsamen Normen verschränkt sind, z.B. mit den Bereichen Gender und Race’, sagt die Gruppe in einer Stellungnahme. Ganz pragmatisch sehen es die beiden Frauen: ‘Wenn jemand sich schminken will, soll er das tun. Wenn sich jemand schick anziehen möchte, soll er das tun. Aber das soll eben für alle gelten. Niemand sollte für die Wahl, die er für sein Äu­ßeres trifft, angemacht oder diskriminiert werden.’“ (Jungle World, 13.12.06)

Auf der Website der Gruppe wird aber noch mehr Verwirrung gestiftet, da auch noch Begriffe wie „Ableism“ (Diskriminierung von Behinderten), „Ageism“ (Diskriminierung auf Basis des Alters), „Heightism“ (Diskriminierung auf Basis der Körpergröße) fallen, die dann mit den schon eher bekannten Begriffen „Rassismus“ und „Sexismus“ in eine Reihe gestellt werden.

Und hier beginnt dann auch schon die Kritik an der Bewegung: Führen diese unter Umständen doch recht konstruierten Diskriminierungsformen nicht dazu, daß sich in letzter Konsequenz fast jeder als Opfer fühlen kann, weil fast jeder sich bei Bedarf einer der zahlreichen Gruppen von Diskriminierten zurechnen kann? Welche Auswirkungen hätte das auf „echte“ Opfer? Die Aktivisten bestreiten neue Opfergruppe zu konstruieren:

„Es fällt dennoch schwer, den Zusammenhang zwischen Angriffen auf dunkelhäutige Menschen, Gewalt an Frauen und Witzeleien über große Füße herzustellen. So wolle man die Feststellung auch nicht verstanden wissen, sagt die Frau aus dem ‘Projekt L’: ‘Uns geht es nicht darum, Lookism auf eine Stufe mit Sexismus oder Rassismus zu stellen. Dennoch würde ich nicht behaupten, dass individuelle Leiderfahrungen aufgrund von Lookism weniger schlimm sind als z.B. sexistische Diskriminierungen. Magersucht hat zwar viele Gründe, die vor allem in den Erlebnissen in der Kindheit zu suchen sind. Wenn man Magersucht aber als Resultat von Lookism betrachten will, könnte man ebenfalls sagen: Es kann tödlich enden.

… Dass Lookism eine recht beliebige Angelegenheit sei und jedem und jeder die Möglichkeit gebe, sich als Opfer einer Diskriminierung zu füh­len, bestreiten die beiden Antilookistinnen: ‘Wir wollen sicherlich keine neuen Opfer schaffen. Wir wollen die Leute anregen, darüber nachzuden­ken, in welchen Situationen man selbst andere Menschen wegen ihres Äußeren diskriminiert. Insgesamt gesehen ist Lookism aber selbstverständlich ein sehr weitläufiger Komplex.’“ (Jungle World, 13.12.06)

Um die Problematik stärker in die Öffentlichkeit zu tragen hat das „Projekt L“ unter anderem die sogenannte „Fight-Lookism-Kampagne“ ins Leben gerufen. Dabei wird Disneys klassisches Schneewittchen-Motiv wahlweise mit einer Kalashnikov, tätowiert, dick oder mit Bart als Streetart in Form von Aufklebern und als Pochoirs (Schablonen-Grafitti) mit der Bildunterschrift „Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ im öffentlichen Raum platziert.


Pochoir zur Fight-Lookism-Kampagne in Berlin. Quelle: Indymedia, Creative Commons Lizenz.

In seinem Bestseller „Das Methusalem-Komplott“ beschreibt FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher wie alte Menschen in Deutschland systematisch diskriminiert werden — und das obwohl diese Gruppe der „alten Menschen“ die in Deutschland (und anderen westlichen Industrienationen) am schnellstwachsende Bevölkerungsgruppe ist, deren Erfahrungswerte nach Schirrmacher ökonomisch brach liegen. In einer der kontroversesten Stellen des Buches stellt er dann die Diskriminierung der Alten mit Rassismus auf eine Stufe, indem er von „Altersrassismus“ schreibt.

Schon damals (2004) wurde erhitzt debattiert, inwiefern die ja nicht zu bestreitende Diskriminierung von alten Menschen tatsächlich im Zusammenhang mit „Rassismus“ genannt werden könne. Unabhängig davon, ob „Rassismus“ und „Altersdiskriminierung“ zwei „Phänomene“ gleicher Rankordnung sind, stellt sich aber grundsätzlich schon die Frage, warum eine Gesellschaft die sich gegen die Diskriminierung auf Basis des Geschlechts und der ethnischen Zugehörigkeit ausspricht, nicht auch gegen die Diskriminierung auf Basis des Alters oder auf Basis des äußeren Erscheinungsbildes vorgehen sollte.

Wenn etwa der SPD-Vorsitzende Kurt Beck dem Arbeitlosen Henrico Frank sagt, er solle sich erst mal „waschen und rasieren“, dann würde er schon einen Job finden, ist das dann Diskriminierung (jetzt mal losgelöst von der Tatsache, daß auch „rasierte und gewaschene“ Arbeitslose nicht so ohne weiteres einen Job finden)? Sicherlich ist ein gepflegtes Äußeres in vielen Fällen Voraussetzung, um einen Job zu bekommen. Nur gerade hier stellt sich eben die Frage, ob man diesen Zustand mit einem „das ist eben so“ abhakt und darauf verweist, daß Mensch sich an diese Gesellschaftsnorm hinsichtlich des äußeren Erscheinungsbildes eben anzupassen habe oder ob man das kritisch hinterfragt und dagegen aufbegehrt.

Für die Initiatoren des „Projekts L“ scheint sich diese Frage insofern gar nicht zu stellen, als daß man bei genauerer Betrachtung ihrer Website (lookism.info) den Eindruck bekommt, sie denken nicht unbedingt an weiße, heterosexuelle Männer, wenn sie von den Opern des „Lookism“ reden. So als ob der untersetzte Büroangestellte mit Halbglatze nicht ebenfalls unter den vorherrschenden Schönheitsnormen zu leiden hätte, wenn er aufgrund von seiner äußeren Erscheinung ausgegrenzt wird.

Von Polylux fühlt sich die Bewegung nach Angaben von Jungle World falsch dargestellt. Dort ist in einem Beitrag die Rede von „die Häßlichen erheben ihre Häupter“ und „Rechte der Häßlichen“, was dann halt nach „Aufstand der Hackfressen“ klingt. Impliziert wird bei dieser Wortwahl, daß sich ohnehin nur Menschen gegen „Lookism“ einsetzen, die dem allgemeinen Schönheitsideal selbst nicht entsprechen (was dann aber später im Beitrag in anderer Richtung klargestellt wird):

Als Gegenbeispiel dienen den polylux-Autoren Spitzenpolitiker. Diese sein nun in der Regel wahrlich keine Schönheiten, hätten es aber auch nach „oben“ geschafft, was dann eben als Beleg dafür gelten kann, daß die Schönheitsnormen eben doch nicht so dominant sein können. Andererseits ist das Beispiel der Antilookism-Aktivisten mit den Bewerbungsfotos sicherlich treffend (und auch empirisch belegt): Nicht selten wird der Bewerber schon anhand des Fotos aussortiert, Personen mit Akne oder Hamsterbacken haben dann eben z.B. deutlich weniger Chancen überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, als solche mit reiner Gesichtshaut und markanten Gesichtszügen.

Das Problem existiert, nur ob es sich wirklich durch Streetart-Aktionen oder etwa einem festgelegten Mindest-Body-Mass-Index für Models auf dem Laufsteg (wie zuletzt in Spanien und Italien) lösen läßt? Vermutlich können weder solche Grundsatzerklärungen noch subversive Kunst die Massenbewegung einem bestimmten Schönheitsideal (mitsamt den zahlreichen negativen Folgen für die Gesellschaft) hinterher zu hecheln stoppen.

Die legendärsten Weihnachts-Musikvideos (2)

Dezember 19, 2006

The Ramones: „Merry Christmas“ :D