Archiv für August 2007

Stasi 2.0

August 21, 2007

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat in den zwei Jahren in denen er jetzt im Amt ist etwas vollbracht, was ihm vorher keineswegs jeder zugetraut hätte: Er hat sich mit seinen Plänen zum Ausbau der Bürgerüberwachung in der Netzgemeinde noch unbeliebter als sein Vorgänger Otto Schily (SPD) gemacht.

In Schilys Amtszeit fielen unter anderem immerhin die sog. „Otto-Kataloge“, zwei während der „9/11-Nachwehen“ verabschiedete Sicherheitspakete die bis heute stark umstritten sind, weiterhin ein skandalöser Referentenentwurf zur Nachbesserung der gesetzlichen Verankerung des „Großen Lauschangriffs“ 2004 (der nach heutiger Einschätzung nur rein formal Zypries’ Namen trug), die Einführung von Reisepässen mit biometrischen Merkmalen (2005); und auch die Dienstanweisung für verdeckte Onlinedurchsuchungen ging 2005 noch auf sein Konto (wurde später vom Bundesgerichtshof einkassiert). Nicht zufällig wurde Schily daher 2005 mit einem „Lifetime“ Big Brother Award „geehrt“.

Das zu toppen erschien selbst für einen Wolfgang Schäuble nur recht schwer machbar. Dank dem Festhalten an den Plänen zur Einführung von verdeckten Onlinedurchsuchungen (siehe „Bundestrojaner“), selbst gegen Widerstände in der Großen Koalition, und natürlich wegen der geplanten Einführung der sog. Vorratsdatenspeicherung, steht Schäuble aber nun kurz davor mit Schily in einem Atemzug genannt zu werden, wenn es um den Ausbau Deutschlands zu einem Überwachungs- bzw. Präventionsstaat geht (ich konzentriere mich hier auf die Pläne, die zur einer Aushöhlung des Datenschutzes und der Privatsphäre führen, es kommen andere Punkte, die auch unter Sicherheitspolitik fallen, hinzu).

Besonders die geplante Vorratsdatenspeicherung sorgt im politisch engagierten Teil der Internetgemeinde zur Zeit für viel Unmut. Vorratsdatenspeicherung „bezeichnete ursprünglich die Speicherung von personenbezogenen Daten für eine spätere Verarbeitung, wobei der Verarbeitungszweck zum Zeitpunkt der Speicherung noch nicht klar feststeht. (…) In der politischen Diskussion wird der Begriff Vorratsdatenspeicherung mittlerweile als Synonym für die Speicherung von Telekommunikationsdaten für Strafverfolgungszwecke verwendet: Telekommunikationsanbieter sollen verpflichtet werden, die für Abrechnungszwecke erhobenen Verkehrsdaten ihrer Kunden, Standortdaten und eindeutige Geräteidentifikationen für einen bestimmten Zeitraum zu speichern (Mindestspeicherfrist), damit Polizei und Nachrichtendienste darauf zugreifen können.“ (Wikipedia)

Es werden nach diesen Plänen also grundsätzlich alle Verbindungsdaten jedes Internet- und Telefon-Nutzers gespeichert, ein Verdachtsmoment muß nicht gegeben sein. Zu den Verbindungsdaten gehören Informationen darüber wer wann wo wie lange mit wem kommuniziert hat. Die Inhalte der Kommunikation werden nicht mitgeloggt (jedenfalls nicht automatisch). Noch nicht. In der Wikipedia heißt es:

„Datenschützer sowie linke und liberale Parteien protestierten und stellten den Sinn einer solchen Maßnahme zur Debatte, sie weise den Weg Richtung Überwachungsstaat: Wenn man sich nicht sicher sein könne, frei kommunizieren zu können, leide darunter die Zivilgesellschaft, und Bürger würden vor politischen Äußerungen im Internet zurückschrecken. Anonyme Seelsorge- und Beratungsdienste seien ebenso gefährdet, da weniger Menschen es wagen würden, diese Dienste zu nutzen.

(…) Juristisch wird argumentiert, eine Vorratsdatenspeicherung verstoße gegen die Grundrechte der Kommunizierenden und der Telekommunikationsunternehmen. In Deutschland liege ein Verstoß gegen das Fernmeldegeheimnis und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, gegen die Meinungs-, Informations- und Rundfunkfreiheit, gegen die Berufsfreiheit und gegen das Gleichbehandlungsgebot vor. Auf europäischer Ebene sei ein Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention gegeben, und zwar gegen das Recht auf Achtung des Privatlebens und der Korrespondenz, gegen die Meinungsfreiheit und gegen das Recht auf Achtung des Eigentums.

Der Nutzen einer Vorratsdatenspeicherung sei gegenüber ihren schädlichen Folgen unverhältnismäßig gering. Eine verdachtsunabhängige Protokollierung des Telekommunikationsverhaltens der gesamten Bevölkerung sei exzessiv. Über 99% der von einer Vorratsdatenspeicherung Betroffenen seien unverdächtig und hätten keinen Anlass zu einer Protokollierung ihrer Kommunikation gegeben.“ (Wikipedia)

Dabei gibt es durchaus alternative Methoden, wie z.B. das in den USA angewendete „Quick Freeze“-Verfahren. Zum Zwecke der Strafverfolgung können hier die entsprechenden Daten der Verdächtigen vorübergehend „eingefroren“ werden, sie werden dann nicht wie sonst vorgesehen gelöscht. Mit einem richterlichen Beschluß können die Strafverfolgungsbehörden dann auf diese eingefrorenen Daten zugreifen. Anders als bei der Vorratsdatenspeicherung werden aber eben nicht kollektiv alle Daten von allen Telefon- bzw. Internetnutzern geloggt.

In Deutschland soll jetzt im Herbst trotzdem die Vorratsdatenspeicherung im Bundestag verabschiedet werden, so daß ab Januar 2008 alle Kommunikationsdaten für sechs Monate gespeichert bleiben.

Dagegen formiert sich zunehmend Widerstand, zentrale Anlaufstelle ist die Website des AK Vorratsdatenspeicherung, auf der man alle Argumente ausführlich nachlesen kann und wo zu Demonstrationen wie jetzt demnächst wieder für Ende September aufgerufen wird.

Zum Symbol der „Widerstandsbewegung“ wurde ein Konterfei Schäubles mit der Bildunterschrift „Stasi 2.0″, welches auf dataloo.de zurückgeht. In einem Interview mit dem Süddeutsche Magazin „Jetzt“ erklären die beiden Macher des Blogs, Dirk und Mac, wie sich die inzwischen berühmte Schablone entwickelt hat.


Die umstrittene „Stasi 2.0″-Schablone von Dirk Adler (dataloo.de),
Creative Commons Lizenz.

Danach tauchte auf der Bloggerkonferenz re:publica zum ersten Mal der Begriff „Stasi 2.0″ auf (in Anspielung auf den Web 2.0-Hype), der anschließend die Runde machte. Passend dazu kam dann die Idee auf, ihn mit einem Bild Schäubles zu verknüpfen.

Unumstritten ist der Slogan „Stasi 2.0″ allerdings nicht, viele Gegner der Vorratsdatenspeicherung distanzieren sich von ihm, da sie den Vergleich mit der Stasi bei allem Unverständnis für Schäubles Politik für verfehlt halten (auf der Website des „AK Vorratsdatenspeicherung“ findet er sich zum Beispiel nicht). Andere Gegner halten ihn dagegen für legitim, da er ja absichtlich provokativ gemeint ist und aufrütteln soll. Inzwischen können Unterstützer das Logo sogar als T-Shirt erwerben.

Natürlich ist es mit Aufrufen zu Demos und T-Shirts nicht getan. Auf der Website des „AK Vorratsdatenspeicherung“ findet man auch eine Site mit Infos darüber, was man gegen die Einführung der Vorratsdatenspeicherung sonst noch tun kann. Zum Beispiele Briefe an Berufsverbände und Bundestagsabgeordnete versenden, Geld spenden, sich in den AK einbringen.

In einer weiteren Initiative geht es um eine „Sammelklage“ bzw. eine Verfassungsbeschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht, falls die Vorratsdatenspeicherung wirklich beschlossen wird (wovon auszugehen ist). Im Internet findet sich sogar ein Motivations-Video, das zeigen soll, wie einfach es ist, sich der Beschwerde anzuschließen.

Inzwischen gibt es eine ganze Palette von Anti-Schäuble-Websites im Netz, die sich mit den Plänen des Innenministers nicht abfinden wollen. Auf Seiten wie schaeuble-wegtreten.de oder informiert-wolfgang.de wird Schäubles Rücktritt gefordert bzw. sarkastisch mit seiner Politik abgerechnet.

Über uberwach.de kann man die Zugriffe der Bundes- und Landesministerien, sowie von Regierungs- und Oppositionsparteien auf den eigenen Blogs bzw. die eigene Website überwachen lassen. Ganz nach dem Motto: Es wird „zurück-überwacht“. Auf der Website freiheitsredner.de kann man „Freiheitsredner“ anfragen, die dann zum Beispiel in Schulen über Sinn und Zweck von Datenschutz und Privatsphäre referieren.

Wie stark die Anti-Schäuble-Bewegung inzwischen ist, konnte man auch unlängst auf dem aktuellen Titel der bekannten Computerzeitschrift CHIP nachlesen. Aufmacher der Ausgabe ist der „Schäuble-Blocker“. Wörtlich: „Denn mit unseren Tipps lassen Sie staatliche Datensammler einfach ins Leere laufen. CHIP zeigt, wie Sie 100% anonym surfen, mailen, telefonieren und tauschen – mit den Anti-Schnüffel-Tools von unserer Heft-DVD“.

OpenID

August 20, 2007

Wer kennt das Problem nicht: Zig verschiedene Benutzerkonten mit zig verschiedenen Paßwörtern. Einen Account bei MSN, einen bei Yahoo, einen bei Google, einen bei Lycos, einen für ICQ, einen für Skype, einen für Ebay, einen für Amazon, einen für diesen Blog hier, usw., usf. Je mehr Dienste und verschiedene Webangebote man im Internet nutzt, desto mehr Benutzernamen und Paßwörter muß man sich merken. Die meisten Leute behelfen sich damit, daß sie nach Möglichkeit immer einen identischen Benutzernamen und immer dasselbe Paßwort wählen, um anschließend die Daten im Browser zu speichern (sie also nicht jedesmal wieder neu eingeben zu müssen), was aber aus Sicherheitsgründen nicht besonders klug ist.

Dabei muß das gar nicht sein, es gibt im Internet inzwischen Ansätze wie z.B. OpenID, bei denen man mit ein- und derselben Benutzer-Paßwort-Kombination überall hineinkommt, sofern der Anbieter der Website auch OpenID unterstützt (dazu kommen wir noch).

Man registriert sich zunächst kostenlos eine OpenID auf Seiten die den Service anbieten (was inzwischen einige sind). Der Benutzername ist dabei immer eine URL. WordPress.com bietet z.B. OpenID an, so daß die URL des blogSquads (den ich ja registriert habe), http://blogsquad.wordpress.com/, gleichzeitig meine OpenID ist (zusammen mit meinem Paßwort). Jetzt kann ich mich als „blogsquad.wordpress.com“ z.B. auch beim Fotodienst „Zooomr“ anmelden, da dieser ebenfalls OpenID unterstützt — und das, obwohl WordPress.com und Zooomr.com zwei völlig unterschiedliche Anbieter sind, die nichts miteinander gemein haben, außer, daß sie beide OpenID unterstützen.

Jeder Website-Anbieter kann auf seiner Site einen OpenID-Service einrichten, der es anschließend Besuchern der Website ermöglicht sich mit ihrem jeweiligen OpenID-Account dort einzuloggen. Allerdings hat das System noch Macken, nicht jeder OpenID-Anbieter kann einen reibungslosen Service garantieren. Da WordPress.com als OpenID-Anbieter so seine Tücken hat, nehmen wir den bekanntesten und ausgesprochen soliden OpenID-Anbieter MyOpenID als weiteres Beispiel:

Ich registriere mir als erstes einen Account auf MyOpenID als http://bloomsday.myopenid.com/ (etwas verwirrend, obwohl es aussieht wie ein Link, ist es tatsächlich ein Benutzername). Dazu muß ich wie bei jeder Registrierung auch ein Paßwort wählen und meine Emailadresse angeben, zu der ich eine Bestätigungs-Email gesandt bekomme. Nach dem Klicken auf den Bestätigungs-Link ist die Registrierung abgeschlossen.

Nun besuche ich den Social Bookmarking-Anbieter Ma.gnolia.com, um mir dort einen Account einzurichten. Ich richte natürlich keinen neuen ein, sondern logge mich einfach mit meiner OpenID ein. Ich gebe also http://bloomsday.myopenid.com/ als OpenID-URL an, werde auf die MyOpenID.com Seite umgeleitet (da dies ja mein OpenID-Provider ist, es könnte z.B. auch WordPress.com sein), gebe mein Paßwort ein, und werde auf Ma.gnolia.com als eingeloggt zurückgeleitet. Natürlich läuft das beim ersten Mal nicht völlig reibunglos, denn ich hatte bei MyOpenID.com vergessen meine Standard-Email-Adresse und meinen Standard-Nickname anzugeben. Nachdem das nachgeholt ist, bin ich endlich bei Ma.gnolia.com als bloomsday.myopenid.com eingeloggt.

Nun wiederhole ich das Prozedere beim Fotodienst Zooomr.com, wo ich meine OpenID ebenfalls verwenden kann. Auch hier will Zooomr beim ersten Login von mir noch mal eine Email-Adresse, Vor- und Nachnamen, sowie einen Nickname. Nachdem das erledigt ist, kann ich aber auch hier mit meiner OpenID (http://bloomsday.myopenid.com/) ein- und ausgehen.

Ich mußte also sowohl Ma.gnolia.com als auch Zooomr.com ein paar Informationsbrocken hinwerfen, die zentrale Information, das Kennwort zu meiner OpenID-URL erfahren sie jedoch nie, das bleibt ausschließlich bei meinem OpenID-Provider, über den der Login jedesmal abläuft, hinterlegt. In meinem Fall also bei MyOpenID.com. Auch aus datenschutztechnischer Sicht macht das Konzept also durchaus Sinn.

Natürlich haben die etablierten Anbieter nicht unbedingt ein Interesse daran, daß es autonome Account-Datenbanken gibt, die sich ihrer Kontrolle entziehen. Wer einen MSN-Service nutzen will, der muß sich eben auch einen Account bei MSN registrieren (der dann nur bei MSN funktioniert, für Ebay brauch ich schon wieder einen anderen Account, usw.). Meistens sind es daher eher weniger bekannte Websites, die auf OpenID setzen, weil so die Chance besteht, zusätzliche Nutzer zu gewinnen. Ist der Anbieter dagegen schon sehr bekannt und hat viele Nutzer, hat er das nicht mehr nötig, er hat eine eigene Community und versucht die Nutzer an sich zu binden. Ein OpenID-System wäre hier kontraproduktiv, da es den Nutzern den Wechsel zur Konkurrenz vereinfacht. Ob sich also ein System wie OpenID jemals durchsetzen wird, ist noch ungewiß.

Es gibt jedoch einen Trend, daß Account-Anbieter ihren Account-Dienst selbst auslagern, der OpenID-Idee sozusagen Konkurrenz machen. So bietet Microsoft seit kurzem die Möglichkeit, daß Dritte das „Windows Live ID“-System (ehemals „Passport“) nutzen können (heise online, 17.08.07). Jeder Betreiber einer Website kann also jetzt bei sich einen Login mit einem MSN-Account ermöglichen. Die Website muß nichts mit MSN zu tun haben, MSN erlaubt es einfach nur, daß User die bereits einen MSN-Account haben (und es gibt zur Zeit rund 400 Millionen registrierte Live IDs) sich darüber auf der Website des Drittanbieters einloggen können, um dessen Angebot zu nutzen. Die Paßwort-Infos verbleiben bei MSN, der Drittanbieter erfährt sie nicht, hat aber jetzt einen großen potentiellen Kundenstamm. MSN kann umgekehrt natürlich „Bewegungs-Profile“ erstellen: wer besucht mit seinem MSN-Account welche Seite eines Drittanbieters.

Microsoft/MSN vesucht also seine starke Position bei den Identifikationssystemen weiter auszubauen, indem sie das eigene ID-System für Dritte auf deren Websiten nutzbar machen. Der Unterschied zu OpenID ist nur, daß ich mir bei OpenID meinen Provider selbst suchen kann (genauso übrigens wie bei Jabber als IM-System). Ich kann frei wählen, ob ich meine Daten WordPress.com, LiveJournal.com, MyOpenID.com oder irgend einem anderen OpenID-Provider anvertraue. Und egal, wo ich meine OpenID registriere, ich kann mich anschließend in jede Website einloggen, die OpenID unterstützt. Bei MSN kann ich mich künftig auch auf jede Seite einloggen, die das MSN-System nutzt, habe aber diese freie Provider-Wahl nicht, ich muß mich immer bei live.com registrieren und meine Daten immer MSN überlassen. Das System ist somit nicht wirklich frei, sondern geschlossen; die Abhängigkeit von MSN bleibt bestehen bzw. wird ausgebaut.

Wer sich für das Thema OpenID interessiert, sollte mal einen Blick in das „OpenID Directory“ werfen. Hier werden Seiten gelistet, die OpenID bereits heute unterstützen. Wie berichtet sind dies meist „Underground“-Sites, die wenig bekannt sind. Was aber ja nicht heißen muß, daß deren Angebote schlechter sind als vergleichbare Angebote von bekannteren Anbietern.

In jedem Fall lohnt es sich, sich mal eine eigene OpenID auf Websites wie z.B. MeinGuterName oder MyOpenID zu registrieren, um anschließend mal ein paar Portale auszuprobieren, die bereits einen Login via OpenID unterstützen.

Alltagsmärchen

August 19, 2007

Sie hob den Deckel der schwarzen Tonne und warf ihre Mülltüte hinein. Sie schloss den Deckel und ging wieder in ihre Wohnung. Manchmal waren schon einige Müllsäcke in der Tonne, manchmal war die Tonne leer. Ebenso verhielt es sich mit der blauen Papiertonne und den gelben Säcken – irgendwann war die Tonne leer bzw. hing ein neuer leerer Sack im Halter. Es war fantastisch. Es war bequem.

Eines Tages hob sie den Deckel und Mülltüten sprangen ihr ins Auge. Die Tonne war voll. Mit der zweiten schwarzen Tonne daneben war es nicht anders. Sie wartete einen Tag – die Tonnen waren immer noch voll. Sie wartete noch einen Tag – die Tonnen waren immer noch voll. Sie Stopfte ihren Müll hinein – die Tonnen wurden nicht leerer. Nun musste sie feststellen, dass sie von den kleinen Müllwichteln verlassen wurde. Sie konnte sich nicht erklären, was hinter dem Zauber entleerter Mülltonnen steckt.

Manchmal, wenn sie das Haus verließ, wunderte sie sich, warum überall entlang der Straße volle Mülltonnen am Straßenrand oder neben den Haustüren standen. Sie konnte sich nicht erklären, wie ihre Mülltonnen noch vor dem Aufstehen durch den Hausflur hinaus auf die Straße und nachmittags wieder zurück in den Hinterhof gelangten. Ah, ja gut, an den Tonnen waren Räder dran. Aber wie machen das die prall gefüllten gelben Säcke? Sackhüpfen?

All diese merkwürdigen Ereignisse kann nur verstehen, wer das Zauberbuch gelesen (oder zumindest überflogen) hat. Das große geheimnisvolle Zauberbuch – nein, eigentlich ist es ein kleines Zauberheftchen, denn Müll wegzaubern ist gar nicht sooo kompliziert, wie sie annahm, und die mysteriösen Zauberformeln sind kurz und prägnant gehalten – dieses Zauberbuch also trägt den Titel „Abfallfibel“.

Ja, da dämmerte es ihr! „Abfallfibel“ – das stand auf diesem dünnen Heftchen, welches monatelang auf einer der untersten Stufen der Treppe lag. Genau auf der Stufe, auf der sich auch ihre Post befand. Noch so ein Mysterium: Wie gelangte die Post vom Boden des Hausflurs auf die Treppe? Es gab im Haus nämlich keine Briefkästen; die Post flatterte einfach unsortiert durch einen Spalt in der Haustür in den Hausflur. Irgendjemand – vermutlich die Müllwichtel, das ahnte sie nun – steckten ihre Post dann in dieses hässliche Heftchen hinein. Sie entnahm die Post und ließ die Abfallfibel liegen. Langsam überkam sie das Gefühl, dass dies nicht richtig gewesen sein könnte.

Sie wohnte noch nicht lange in dem Haus. Es war schwierig für sie, einen monatlichen Turnus in dem Verschwinden prall gefüllter gelber Säcke sowie des Papiers zu erkennen. Für alle, die auch eine Regelmäßigkeit von „mittwochs alle 14 Tage“ nicht erfassen können, gibt es das Zauberbuch „Abfallfibel“ zum Nachlesen abfalltechnischer Gesetzmäßigkeiten.

Vor einigen Tagen hatte sie eine merkwürdige Botschaft erhalten. Als sie nach Hause kam, klebte ein gelber Zettel mit einer Aufschrift an ihrer Tür. Sie erinnerte „Mülltonnen bitte Dienstag Abend [Datum] rausstellen. Es ist sonst niemand da. Danke“ oder so etwas in der Art. Nun, da sie vor der randvollen Mülltonne stand mit ihrer Mülltüte in der Hand, überlegte sie, ob diese seltsame Botschaft irgendetwas mit dem feinen seltsamen Geruch zu tun haben könnte, der gerade bei sommerlichen Temperaturen durch den Hinterhof zog. Nein! An so einen Quatsch glaubte sie nicht. Das war sicher nur Zufall.

Sie überlegte, was sie nun tun sollte mit ihrer Mülltüte in der Hand. Sie überlegte, ob sie lesen sollte, was auf dem gelben Sack gedruckt stand. Aber zum Lesen war jetzt keine Zeit, jetzt musste gehandelt werden. Sie dachte darüber nach, ob es vielleicht sinnvoll gewesen wäre, leere Konservendosen, Joghurtbecher und ähnliches womöglich sogar ausgespült in den gelben Sack zu tun statt in den Restmüll zu stopfen. Das Volumen an Abfall mit dem berühmt berüchtigten Punkt aus zwei Pfeilen war nicht durch eine Tonne beschränkt.

Aber allein der Gedanke an Mülltrennung löste in ihr Ekel, Panik und das Gefühl totaler Überforderung aus. Dieser Aufwand war einfach zu groß, als dass sie ihn ohne lebensbedrohliches Erschöpfungssyndrom hätte leisten können. Sie beschloss, einige Plastikfolien in die Papiertonne zu werfen, musste aber feststellen, dass davon die Restmülltonnen nicht leerer wurden. Vielmehr wurde die Papiertonne voller. Sie überlegte, ob sie vielleicht diverse Pizza- und Verpackungskartons hätte auseinander falten oder zerreißen sollen. Aber auch diese Vorstellung kam ihr obstrus und viel zu anstrengend vor.

Sie beschloss, auf die Rückkehr der Müllwichtel zu warten, die die Macht des Zauberbuches hatten und die Zaubersprüche besser beherrschten als sie. Sie legte ihre Mülltüte vertrauensvoll auf die bereits vorhandenen Mülltüten und presste mit dem Deckel alles fest zusammen. Es gelang nicht ganz. Der Deckel schloss nicht mehr vollständig. Aber sie war ihre Mülltüte los. Damit war IHR Problem gelöst. Ihre Nachbarin, deren Zimmerfenster sich direkt neben den Tonnen befindet, bekam nun täglich Besuch von dem feinen seltsamen Geruch, der sich unter die sommerlich warme Luft mischte.

Und wenn die Müllwichtel 14 Tage später wieder kein Erbarmen zeigten und die Ratten sie noch nicht aufgefressen haben, dann wartet und türmt sie noch heute.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Projektes
„Deine Stimme gegen nachbarschaftliche Gewalt“.

Autor dieses Beitrags: Anna

Helter Skelter

August 18, 2007

Phoenix zeigt zur Zeit in deutscher Fernseh-Erstausstrahlung die zwölfteilige Doku-Serie „Die letzten Tage einer Legende“. Wie der Name schon suggeriert, werden hier die letzten Tage von Persönlichkeiten wie Che Guevara oder Jim Morrison nachgezeichnet.

In der fünften Folge werden die letzten Tage der us-amerikanischen Schauspielerin Sharon Tate beleuchtet, die damals mit Roman Polanski verheiratet war und gerade kurz davor stand ein echter Superstar zu werden.

Doch leider wurde sie Mord-Opfer der Manson Family. Deren berüchtigter Kopf, Charles Manson, verfolgte in seinem Wahn seine so genannte „Helter Skelter Theorie“.

Grundlage seiner Vision war der gleichnamige Song der Beatles (erschienen auf dem „Weißen Album“) in dem es eigentlich darum geht, daß das Leben wie eine Rutschbahn ist: Das hinunter gleiten und anschließende wieder besteigen der Rutsche steht bildlich für das Auf und Ab im Leben. In Großbritannien, bekanntlich die Heimat der Beatles, bezeichnet „Helter Skelter“ (auf deutsch „Hals über Kopf“ oder „Holterdipolter“) eine große Rutschbahn in einer Vergnügungspark-Kette.

Davon wußte Manson jedoch nichts, er interpretierte den Song auf eine ihm ganz eigene Art: Die Beatles waren für ihn die vier Engel der Apokalypse und der Song „Helter Skelter“ stand dafür, daß jene die jetzt gerade unten waren, bald nach oben rücken würden. Er hatte dabei die Vision eines „Rassenkrieges“, die Schwarzen am unteren Ende der Gesellschaft würden sich erheben und die Weißen vernichten. Da die Schwarzen sich jedoch anschließend als unfähig erweisen würden, das System zu leiten, würden sie sich ihm, Charles Manson, als neuen Führer unterwerfen.

Da die Schwarzen jedoch keine Anstalten machten, den von Manson prophezeiten „Rassenkrieg“ zu beginnen, beschloß Manson ihnen erst einmal zu zeigen, wie sie es zu machen hätten. Er beauftragte einige ihm völlig verfallene Mitglieder seiner Sekte, mehrere Personen aus der Oberschicht (auf die Manson wegen seiner Minderwertigkeitskomplexe einen riesen Haß hatte und ihnen die Schuld dafür gab, als Musiker nicht aufsteigen zu können) zu ermorden, darunter auch Sharon Tate und ihr noch ungeborenes Kind.

Die tatsächliche Entstehungsgeschichte des Songs liest sich in der Wikipedia allerdings wie folgt: „McCartney hatte gelesen, dass die Gruppe The Who in der englischen Musik-Zeitschrift Melody Maker behauptet hatte, sie hätten den lautesten und härtesten Rock-Song aller Zeiten geschrieben (I can see for miles). Bei seinem Ehrgeiz gepackt beschloss McCartney, der lauteste und härteste Song müsse ein Song von den Beatles sein und schrieb daraufhin ‘Helter Skelter’. Tatsächlich hat das Stück, das in seiner ursprünglichen Fassung 24 Minuten lang war, eine deutliche Affinität zu den sich gerade entwickelnden Musikstilen Hard Rock und Heavy Metal: Dies liegt vor allem an dem ausgiebigen Gebrauch von Distortion und Feedback bei den E-Gitarren und an McCartneys Schrei-Gesang. Außerdem trägt Ringo Starr mit seinem sehr hart angeschlagenen Schlagzeug dazu bei.“

Wenn man so will gehörte „Helter Skelter“ also zu einem der ersten Hard Rock Songs. Es ist kein typischer und damit auch kein wirklich „schöner“ Beatles-Song, trotzdem aber eben ein Meilenstein. Ein offizielles Video gibt es zum Song nicht, ich habe bei YouTube aber diese von einem Fan zusammengestellte Collage gefunden, die es auch tut.

Evolution

August 15, 2007

„Evolution“ ist die erste Single des neuen, namenlosen Albums der Nu-Metal Band Korn. Thematisiert wird die „Devolution“ der Menschheit (was insgesamt dann ein Teil der Evolution ist).

Der Plot wird auch von Regisseur Dave Meyers im Video aufgegriffen: Schimpansen treten gegen Menschen an, und die Affen schneiden deutlich besser ab. Ein nett gemachtes und sehenswertes Video, auch wenn der Song als solcher nicht unbedingt überragend ist.

Das beste Video zum Thema bleibt freilich nach wie vor das von Pearl Jam zu „Do The Evolution“, das in eine ähnliche Richtung geht, aber musikalisch wie visuell noch besser rüberkommt.