BDSM im deutschen Fernsehen (Teil 5): Meine Mutter, Frankreich, 2004

In Christophe Honorés Verfilmung von Georges Batailles Skandalroman „Meine Mutter“ (Orig.: Ma mère) geht es eigentlich um eine ödipale Inzest-Geschichte bei der BDSM nur als „Nebensache“ auftaucht. Trotzdem werden sadomasochistische Praktiken an bestimmten Stellen stark fokussiert, weshalb man den Film durchaus in die BDSM-Reihe aufnehmen kann.

Die Hauptrolle in dem Drama spielt einmal mehr Isabelle Huppert (siehe auch „Die Klavierspielerin“) als die verwitwete Mutter Hélène. Ihr gegenüber steht ihr 17jähriger Sohn Piere (Louis Garrel), der bisher bei seiner Großmutter gelebt hatte, nach dem Unfalltod seines ihm verhaßten, tyrannischen Vaters aber nun zu seiner Mutter in eine Ferienvilla nach Spanien zieht. Hélène führt dort ein sehr lasterhaftes, ausschweifendes Leben, in das auch Pierre hineingezogen wird.

Von Anfang an ist recht offensichtlich, daß das Verhältnis zwischen Pierre und Hélène keine normale Mutter-Sohn-Beziehung ist, er begehrt sie und sie begehrt ihn. Ein klassischer Ödipuskonflikt liegt hier eigentlich nicht mehr vor, da der Vater — in der „ödipalen Logik“ ja der Rivale des Sohnes — bereits verstorben ist (ohne Zutun des Sohnes). Damit ist aber auch endlich eine Wiederannäherung zwischen Mutter und Sohn möglich, die dann allerdings im Inzest endet.

Die fast schon nymphoman wirkende Hélène führt ein promiskes, exzessives Sexualleben, ist aber trotzdem nie wirklich glücklich (warum und wieso läßt sich aus dem Film durchaus ableiten, würde hier ab zu weit führen). Im Verlauf des Films wird deutlich, daß sie sowohl mit Männern als auch Frauen regen Kontakt hat — wenn es sich ergibt auch gegen Geld. Ihre Hauptgespielin ist dabei Réa (Joana Preiss) mit der sie Nachts um die Häuser zieht und Party macht.

Irgendwann beschließen die beiden Pierre ins Nachtleben mitzunehmen, doch sie trennen sich und als die beiden Frauen Pierre schließlich wiederfinden, liegt dieser angetrunken auf der Straße an einer Säule und schläft. Hélène fordert Rhea auf, ihn auszuziehen, was diese auch macht. Pierre erwacht und hat Sex mit Rhea (mitten auf dem Bürgersteig), wobei sich abzeichnet, daß sie es deutlich härter will als er. Auf Schmerzen die sie ihm zufügt, kann er jedenfalls nicht ab. Hélène schaut den beiden teils erregt, teils distanziert zu.

Nach einer weiteren Orgie in einem Schlafzimmer an der mehrere Personen beteiligt waren, wacht Pierre auf und hat Sex mit Rhea, weckt absichtlich seine daneben liegende Mutter, damit diese ihnen zusehen kann. Anschließend hat dann Hélène Sex mit Rhea und will Pierre zusehen lassen. In diesem Moment interveniert jedoch Hansi (unfaßbar hübsch: Emma de Caunes), eine weitere, etwas jüngere Gespielin der Mutter, die Pierre sanft die Augen zuhält und ihn wegzieht.

Die Mutter zieht die Notbreme, weil sie bemerkt worauf die Sache hinauslaufen wird. Sie verläßt zusammen mit Rhea das Haus, „hinterläßt“ ihrem Sohn aber Hansi.

Zwischen Hansi und Pierre entwickelt sich schnell eine erste echte Liebe, wobei deutlich wird, wie sehr Hansi darunter leidet in der Vergangenheit von Hélène für ihre Sexspielchen eingespannt worden zu sein. Dies wird am FemDom-Verhältnis von Hansi zu dem adrogyn wirkenden Loulou (Jean-Baptiste Montagut) deutlich. Loulou ist das Mädchen für alles in der Ferienanlage in der Hansi residiert (die Anlage gehört einem ihrer Verwandten). Zuerst läßt sie sich im Beisein Pierres die Stiefel von Loulou ausziehen, dann verdrischt sie ihn in der explizitesten SM-Szene im ganzen Film mit einem Kabel derart, daß er am nächsten morgen halbtot ist. Als Hansi wieder zu sich kommt und erkennt, was sie getan hat, bricht sie in Tränen aus.

Hélène hat unterdessen auf ihrem Trip mit Rhea wenig Spaß, denn es wird deutlich, daß die Männer Rhea lieber wollen als sie, da Rhea jünger ist (Rhea ist vielleicht Mitte 30, Hélène Ende 40). Sie verläßt Rhea und kehrt zum Feriendomizil zurück. Trotz allen Versuchen es abzuwehren, kommen sich hier nun Hélène und Pierre wieder näher (der für Hansi trotzallem einfach nicht dasselbe empfinden kann, wie für seine Mutter). Schließlich kommt es tatsächlich zum Inzest, woraufhin Hélène Selbstmord begeht und Pierre dann neben ihrer Leiche aufwacht.

Die Film ist streckenweise sehr verstörend, die Konfrontation mit der egomanen, skrupellosen Hélène, die gesellschaftliche Konventionen und jegliche Form von „Sexualmoral“ einfach ignoriert, ist vermutlich mehr als manch ein Zuschauer ertragen kann. Dennoch wird die Zerrissenheit der Protagonisten zwischen Trieb und dem Wissen dem Trieb eigentlich nicht nachgeben zu sollen, sehr deutlich veranschaulicht.

Auf der einen Seite die dominante, ausschweifend-lebende Mutter, die zwischen den Zeilen aber eben auch als sehr verletzlich erscheint, und auf der anderen ein 17jähriger, der seine Mutter für ihren Lebenswandel einerseits verachtet, sie aber andererseits auch begehrt und im Verlauf des Films seine ersten Erfahrungen mit Liebe, Lust und Scham macht — auch wenn diese sicherlich etwas atypisch sind.

ARTE strahlte den Film Mitte Juli als FreeTV-Premiere im französischen Original mit deutschen Untertiteln aus. Wann (und ob überhaupt) er zum nächsten Mal zu sehen sein wird, ist ungewiß. Wer nicht solange warten will, kann ihn sich als DVD bestellen (wobei er zur Zeit bei amazon.de nicht geführt wird).

In der BDSM-Reihe sind hier bisher erschienen:

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